Ein glühendes, grelles, gelbes Licht reißt mich aus dem Tiefschlaf. Nach einem Moment der Orientierungslosigkeit stelle ich fest, dass ich immer noch ich selbst bin, mein Körper in Wuhan/China im Bett liegt und ich gestern versäumt habe, den dicken Vorhang wieder zuzuziehen nachdem ich versucht hatte, einen Blick auf den Jangtse zu werfen, der sich im nächtlichen "Smo(g)king" an mir vorbei schummelte. Jetzt schien er, mit der Sonne verbündet, mich anzuschreien, damit ich endlich aufstehe, um ihn zu bewundern. Gedacht, getan.
Somit kam ich dann doch noch pünktlich zum Soundcheck. Der Soundcheck verlief bestens und irgendwie fühlte es sich so an, als hätten wir erst gestern hier auf der Bühne gestanden. Alles beim "Alten" sozusagen. Das Team und die Bühnenmanagerin Judith kennen wir schon aus Shenyang, und wir freuten uns alle sehr, sie wiederzusehen.
Die knappe Zeit zwischen dem Soundcheck und dem Konzert nutzten wir, um uns in Wuhan etwas umzusehen. Zusammen mit Hans, unserem chinesischem Betreuer, liefen wir die große, viel befahrene Uferstraße entlang. Wir bewegten uns ungefähr so schnell wie die Zeitlupenaufnahme einer 100 Jahre alten Schildkröte. Ständig blieb jemand staunend stehen und fotografierte eines der bizarren, architektonischen Glanzstücke Wuhans, kaufte sich ein kühles Wässerchen oder versuchte durch ein Päuschen im Schatten der Hitze zu entkommen. Aus der Ferne hörten wir eine Kapelle spielen, und je näher wir kamen, desto schöner klang die Musik.
In einer Seitenstraße hatten sich Musiker versammelt, die herzergreifende und auch sehr laute Musik spielten. Da waren Trompeten, Schlagzeug, Geigen, Kontrabass und mehr, und alle Musiker saßen auf der Straße und spielten so wunderschön, dass es mir ganz feierlich wurde. Die Straße war geschmückt mit knallbunten Riesenfächern und der Boden war rot bedeckt von unzähligen, zerplatzten "Chinaböllern" - ähnlich wir bei uns nach der Silvesternacht.
Hans erklärte mir, dass so etwas hier typisch sei und alles zu Ehren eines sehr alten und sehr toten Menschen geschieht, es sei aber keine Beerdigung, sondern eine Feierlichkeit, womit man die Freude über das hohe Alter des Toten zum Ausdruck bringt und das Verständnis dafür, dass dieser Mensch jetzt müde war und gehen wollte. Wenn ein sehr alter Mensch gestorben ist, ist es in China eine ebenso große Freude wie die Geburt eines Menschen. Eigentlich ein sehr schöner Brauch.
Kurz darauf liefen wir doch tatsächlich Elisa und Katharina in die weit ausgestreckten Arme. Die Beiden haben uns im Sommer in Shenyang betreut und sind mittlerweile liebe Freundinnen von uns. Sie sind nun extra nach Wuhan gekommen, damit wir uns noch mal wiedersehen können. Jetzt waren wir schon zu elft in unserer Reisegruppe. Wir gründeten schnell eine deutsch-chinesische Fußballmannschaft mit dem Namen FC Langnase. Leider wollte niemand von uns ins Tor und so schlenderten wir weiter durch die Straßen Wuhans, begleitet von drei Chinesen und vielen, vielen Blicken. Vielleicht dachten die Menschen, die wir passierten doch, dass wir ein Fußballverein sind? Jedenfalls kann ich mir jetzt eine vage Vorstellung davon machen, wie sich die Familie Pitt-Jolie fühlen würden, wenn sie einen Bummel durch Köln machten.
Jetzt wurde es auch schon richtig Zeit, zur Deutsch-Chinesischen Promenade zurückzukehren, denn schließlich gab es ja noch ein Konzert zu spielen. Pünktlich, wie es nun mal unsere Art ist, standen wir am Bühnenrand, und nach der charmanten chinesischen Ansage ging es los.
Ich war sehr aufgeregt, ob das Publikum meine chinesischen Ansagen überhaupt verstehen würde. Nach dem ersten Lied hatte ich die Gewissheit, dass es irgendwie funktioniert haben muss. Spätestens bei dem chinesischen Lied über die Yasminblume "Mo li hua" tanzte die Stimmung einen heißen Rock 'n' Roll.
Dass ich bei "Gold" den Konfettishooter, der vor Ort extra für uns besorgt wurde (da ich meinen eigenen aufgrund der strengen internationalen Flugregelung nicht mitnehmen durfte), mangels Muskelkraft nicht aktivieren konnte, tat der Stimmung keinen Abbruch. Am Ende des Liedes holte ich, kraft einer kleinen spontanen Hypnose einen Bühnenarbeiter zu mir, und das goldene Konfetti glitzerte doch noch im Nachthimmel. Das stand aber in keinem Verhältnis zum Leuchten der abertausenden Hände, die sich bei "Über mir die Sterne" in die Höhe streckten und zur Musik hin und her wiegten. Wuhan wo ai ni men!
Der Tag war aber lange nicht zu Ende. Nach dem Konzert sind wir mit Mit, die gerade in Wuhan angekommen waren und am nächsten Tag ihr Konzert spielen würden, gemeinsam Essen gegangen.
Es war sehr lustig zu sehen, wie die "Mit's" am Tisch saßen und die Speisen mit einem gesunden Misstrauen begutachteten. So müssen wir wohl auch ausgesehen haben, als wir zum ersten Mal an einem runden Drehtisch saßen und die unzähligen fremdartigen Speisen auf das Drehkarussell gestellt wurden.
Wir konnten ihnen aber zumindest die Angst vor den Erbsen, die sich in Bohnen verstecken und die man aus dem Bohnenanzug herauslutschen muss, nehmen. Ein Bayer würde dazu "zuzzeln" sagen. Unser Lieblingsgericht, dass so ähnlich klingt wie "Verzeih" und unverkennbar aus gekochtem Chinakohl mit Knoblauch und Chilli besteht, fand auch großen Anklang.
Als Hans uns aber fragte, ob wir gerne "Esel" essen wollten, war selbst bei den hart gesottenen Pferdemägen die Toleranzgrenze erreicht. Als Alternative dazu brachte uns dann die Kellnerin eine große Schüssel "haarige Nasensuppe".
So schnell wie wir unsere Köpfe von den hellrosa bis fleischfarbenen Schweine- und Menschennasen ähnelnden Stücken, die aus der Suppe herauslugten, abwandten, konnten uns Hans, Elisa und Katharina gar nicht erklären, um was es sich da genau handelt. Zur Beruhigung fielen Worte wie "Gemüse" und "Hündchensuppe" und etwas, das klang wie "sehr lecker". Als sich im allgemeinen Durcheinander dann doch herausstellte, dass die "Hündchensuppe" keineswegs aus Hund gekocht wird, sondern aus einem harmlosen Huhn, war klar, dass es für einen Chinesen, hoffentlich nur in der Aussprache, keinen großen Unterschied zwischen Hühnchen und Hündchen gibt. Da hatte sich Felix, der Drummer von "Mit" auch schon ein Näschen genommen und in seiner selbsternannten Funktion als Vorkoster verkündete er, dass es sich geschmacklich in der Nähe unsere Kartoffel befände, wenn nur die Haare nicht wären. Die Nasenhaare? Um das herauszufinden, wetzte ich nun meine Stäbchen und fingerte mir beherzt auch eine Nase aus dem Topf. Es stimmte: es schmeckte etwas kartoffelig und die Haare waren Fäden, die sich in der Struktur der Substanz befanden, aber nicht "haarig" schmeckten.
Der Übersetzungscomputer half dann endlich, das Rätsel der geheimnisvollen Nasensuppe zu lösen. Es handelt sich um eine Lotuswurzel. Lotuswurzeln sind die stärkehaltigen Knollen der gleichnamigen wildwachsenden Pflanze. Sie werden in Asien bereits seit mehr als 3000 Jahren in der Küche verarbeitet. Ich bin trotzdem froh, eine Familienpackung "Iberogast- Magentropfen" dabei zu haben. Sicher ist sicher. Was sind schon 3000 Jahre? Morgen ist erstmal ein neuer Tag und ich freu mich auf ein neues Abenteuer. Gute Nacht, Jangtse!
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