Suzie
29.10.2009 | Peking, Abreisetag: Ich packe meinen Koffer und nehme mit...
Peking, Abreisetag (und auch aus meiner Sicht nochmal der Tag davor...doppelt-gemoppelt hält besser..)

Ich höre meinen Wecker schon gar nicht mehr. Ich bin vorher schon wach. Aber vielleicht träume ich auch nur, dass ich vorher schon wach bin. So genau kann ich das selbst schon gar nicht mehr feststellen. Ich fühle mich wie Schlafes Bruder oder besser gesagt wie Schlafes Schwester. Schäle mich aus dem Bett und taumele die kleine Treppe im Hotelzimmer hinunter ins Bad. Ich wage einen kurzen Blick in den neonbeleuchteten Spiegel und muss lachen, denn was mich dort anblickt, hat nichts mit dem Mädchen zu tun, das gestern Abend noch, Zähne putzend, an genau der selben Stelle stand und sich selbst eine gute Nacht wünschte. Jetzt stand "Shaun das Schaf" vor dem Waschbecken!

Während einer kurzen, kontemplativen Dusche erinnerte ich mich bei der eigenen Nachberichterstattung des gestrigen Tages wieder an das Geschehene. An den Sun Li Tung Market. Wortfetzen schossen durch mein Hirn wie ein Ball am Fuße eines Franck Ribéry: "Pretty woman, how much? What is your best price? Where do you come from? I make you a good price! Just for you! Beautiful, nice Lady..." Ich sehe mich immer wieder aufs Neue "Fantasy-Zahlen" in den großen Taschenrechner der Verkäufer tippen und mit gegenseitigem Humor für die Sache zu einem zufriedenen Geschäftsabschluss mit Gesichtswahrung kommen.

Dann die verbotene "Verbotene Stadt". Die unglaublichen Menschenmassen, die aus den großen Toren des Kaiserpalasts an uns vorbeiströmten. Jede Gruppe hatte anders farbige Mützchen oder Kappen auf den Kopf und sie folgten wie bunte Lemminge ihrem jeweiligen Reiseführer, der mit einem Schirm oder Fähnchen in der einen und einem Megaphon in der anderen Hand seine "Schäfchen" hinausführte. Da standen wir, wie bestellt und nicht abgeholt, enttäuscht über die viel zu frühe Schließungszeit und wir bekamen eine Gänsehaut und nur eine kleine Ahnung von der unglaublichen Größe und Einwohneranzahl dieses Landes. Ich erstellte rasch eine kleine Hochrechnung unter zur Hilfenahme der zweiten Binomischen Formel (A + B Quadrat = A Quadrat - 2 Mal A Mal B + B Quadrat) und mir wurde klar, dass die Touristenströme um den Kölner Dom im Vergleich hierzu nahezu lächerlich sind. Inkohärent zu dieser Berechnung ging dann auch noch die Fotokamera kaputt, und wir hielten es für angemessen, das zweite und dritte kölsche Grundgesetz anzuwenden: "Et kütt wie et kütt und et hätt noch immer jot jejange!"

Wir kommen dann eben morgen wieder, also heute, ich stehe ja gerade unter der Dusche...und freue mich noch mal über den Artikel in dem chinesischen Musikmagazin, das wir gestern vom Chefredakteur Cheizak überreicht bekommen haben, nachdem wir uns, auf zwei Taxis verteilt, in der Stadt der unendlichen Dimensionen verloren hatten.

Wenn man in China oder in Beijing ins Taxi steigt, sollte man vorbereitet sein. Wenn man großes Glück hat, spricht oder versteht der Fahrer englisch. Wenn man doppeltes Glück hat, versteht man sogar, nach einigen Variationsversuchen, das, was englisch sein sollte, aber besser mit "chinglisch" umschrieben werden kann. In jedem Fall ist es ratsam, einen Zettel mit der Adresse vorzeigen zu können. Selbst in diesem Fall kann es passieren, dass der Fahrer plötzlich anhält, aussteigt und eine offiziell aussehende Person nach dem korrekten Weg fragt. Diesmal probierten wir eine bombensichere Methode aus. Wir ließen die beiden Taxifahrer mit dem chinesischen Gastgeber vom Musikmagazin telefonieren und landeten an zwei komplett verschiedenen Orten. Die eine Fahrgemeinschaft stand zumindest in der Nähe des Zielortes vor einer Bäckereikette mit dem hübschen Namen "Holiland" und die zweite Gruppe, zu der auch ich gehörte, stand in einem völlig anderem Distrikt, aber immerhin auch vor einem "Holiland" . Nach einer guten halben Stunde deuchte uns, dass da wohl irgendwas nicht stimmte. Nach einer kurzen Kontaktaufnahme, Orientierungslosigkeit, Chaos und Taxibesorgung der Schwierigkeitsstufe 6 bis 8, ging unser Plan dann doch noch auf und wir fielen uns, vor dem Holiland, das jetzt eine ganz andere, heilige Bedeutung bekommen hatte, erleichtert in die Arme.

Es dauerte nicht lange und wir wurden an der Straßenecke von einer blutjungen Chinesin mit dem Wort: "Kle Je?" angesprochen, der wir verblüfft zum vereinbarten Restaurant folgten. Diesmal gab es die Lotuswurzeln (von uns auch "Nase" genannt) in einer neuen Zubereitungsform. Sie waren in feine Scheibchen geschnitten und hatten eine blütenweiße Farbe. Sie waren knackig und schmeckten wie eine Mischung aus Rettich und Kohlrabi. Der anschließende Bummel über Luo Gu Xiang im Dongcheng Distrikt ließ mich zum 2. Mal an diesem Tag in einen angenehmen Kaufrauch fallen. Selbst Daniel, der als "Düsseldorfer Modeexperte" ein bekennender Einkaufsmuffel ist, fand Vergnügen an dieser Unternehmung. Leider siegte die Vernunft und die Erschöpfung an diesem Abend viel zu früh über das Laster und wir mussten zurück ins Hotel und ins Bett.

Als alle hinter ihren Türen verschwunden waren, konnte ich es nicht ertragen, dass dieser Tag und diese Reise mit dieser Nacht ein jähes Ende finden sollte. Ich schlüpfte in meine Hotelschlappen und schon klopfte mein Knöchel an Peles Zimmertür. Perfekt. Er war noch wach und wir versuchten zusammen noch ein bisschen die Zeit an zu halten. Dann klopfte es wieder. Waren wir zu laut? Ich öffnete vorsichtig die Türe und blickte in Stens Gesicht. Lustigerweise ging es wohl jedem Einzelnen von uns so, denn nach und nach steckte fast jeder noch sein Köpfchen zur Tür herein und blieb ein Dosenbier lang in unserer selbst erfundenen Zeitmaschine sitzen. Wir redeten über die vergangenen Tage, die Erlebnisse und Entdeckungen über das, was noch kommen mag und wir schmiedeten Zukunftspläne. Wir zeigten uns gegenseitig unsere Souvenirs und bestaunten die "Mitbringsel" die jeder von uns, für die lieben Daheimgebliebenen, noch irgendwie verstauen musste. Noch ein letztes Foto von Pele und mir mit den geheimen Wollmützen auf dem Kopf und ich schlafwandelte rüber in mein Zimmer. Dann der Wecker, und jetzt weiß ich auch wieder, warum "Shaun" gerade in meinem Badezimmer stand. "Guten Morgen, guten Abend!"

Wir wollten uns um 8:00 Uhr pünktlich in der Hotel Lobby treffen. Hätte ich jetzt doch nur die Wundercreme, die hier in den TV Werbepausen angepriesen wird. Eine Creme, die nicht nur alle Falten wegprügelt und die Haut in feinstes chinesisches Porzellan verwandelt, sondern auch jegliche kosmetische Operation überflüssig macht. Es gibt sie fürs Gesicht und für den Busen. Letzteres wird durch die Creme angeblich in eine höhere Körbchen Größe katapultiert. Die Jungs waren begeistert! Da ich mir über solch schlichte Probleme gewöhnlich keine längeren Sorgen mache, war ich zur rechten Zeit am rechten Ort. Zwei meiner männlichen Begleiter hatten sich auch nach den vergangenen 9 Tagen noch nicht an die Zeitumstellung gewöhnt und kamen erst zum Kaffee "to go" dazu. Puh! Sollte es tatsächlich wahr werden, dass wir doch noch unsere römischen Füße in die Verbotene Stadt setzen können?

Im Wettlauf mit den schon eintreffenden Reisegruppen, vorbei an dem kleinen, "zwitschernden" Parkstreifen, wo eine handvoll Chinesen ihre blau ummantelten Vogelkäfige hin und her schwenkten, schnell zum Ticketschalter. In einer fröhlichen Polonaise betraten wir endlich, endlich, endlich die größte Palastanlage der Welt. Ein wahrhaft majestätisches Gefühl hielt in unseren Herzen Audienz, und obwohl wir viel zu wenig Zeit hatten, ließ uns dieses opulente, architektonische Meisterwerk langsamer gehen. Die Farbenpracht der roten Mauern im Zusammenspiel mit den gelben, glasierten Dachziegeln lässt keiner anderen Farbe eine Chance aufs Überleben. Die gigantischen Höfe zwischen den Palästen und Hallen verschlucken einfach die Touristenmassen an diesem Morgen und atmen seelenruhig den jahrhunderte alten Atem der Geschichte ein und wieder aus. Die Paläste und Hallen tragen so poetische Namen wie z.B: "Halle der Berührung von Himmel und Erde " oder "Palast der Himmlischen Reinheit." In der "Halle der höchsten Harmonie" steht der kaiserliche Drachenthron. Ein wahrlich eindrucksvoller Stuhl. Die Halle ist ziemlich düster und der Boden spiegelglatt gewienert. Ich glaube, dem herrschenden Kaiser dürfte es kein allzu großes Vergnügen gewesen sein, in dieser Halle seinen kaiserlichen Geschäften nach zugehen. Gemütlich sah das eher nicht aus. Vielleicht gab es deshalb einen extra Palast nur für ihn, mit dem zweideutigen Namen: "Halle zur Bildung der Gefühle?" Die Zeit raste in schweißtreibender Geschwindigkeit vorbei. Die 9.999 1/2 Räume blieben für uns genauso unerreicht, wie das halbe fehlende Zimmer einem irdischen Regenten zu errichten verboten war, denn 10.000 Räume standen nur dem Palast im Himmel zu. Und genau da mussten wir jetzt hin. In den Himmel. Schnell die Koffer holen und ab zum Flughafen. Ins Flugzeug steigen und zehneinhalb Stunden später in München wieder aussteigen. Heidewitzka!

Wenn ich könnte, würde ich meinen Koffer und mich lieber noch etwas hier lassen. Aber es ist soweit:
Ich packe meinen Koffer und nehme die Liebe zu einem schönen Land und zu den Menschen, die wir kennen lernen durften mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme unendlich viele Erinnerungen, neue Geschichten und Erfahrungen mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme dankbar zwei wunderbare Konzerte in Wuhan samt Publikum mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme Elisa, Katharina, Hans, Angie, Udo, Connie und alle beim DUC und vom Goethe Institut mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme den Jangtse, Luo Gu Xiang und die Verbotene Stadt mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme den Geschmack von Nasensuppe, "hautsch" Hot Pot und "Bautsai" mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme Stinketofu, Mo Li Hua Tee und Dosenbier mit 70ger Jahre Verschluss mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme Zwanzig Paar Hotelschlappen, mit Brillanten verzierte Rolex-Uhren und lauten, bunten Krach mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge und die kleinen, singenden Steine im Jiangtan-Promenaden-Park mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme das Wunder der Dimensionen eines Landes zwischen jahrtausend Jahre alter Tradition und schnelllebiger Moderne mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme sieben Stunden mit, die Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen und auf die Rückkehr in ein fantastisches, aufregendes, lebendiges Land.
Ich packe meinen Koffer und nehme Sten, Tom, Daniel, Pele, Oli, Pese und Piotrek mit.
Ich packe meinen Koffer und nehme das Glück mit, dass wir während der Reise gesammelt haben und diesmal hat mein Koffer gar kein Übergewicht.

 

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