Muenster Olé, Olé, Olé, Olé irgendein Endspiel Olé, Olé
Es herrschte eine sonderbare Stimmung an diesem Morgen. Alle hatten irgendwie Ameisen im Hintern, und merkwuerdigerweise standen auch alle puenktlich zur Abfahrt bereit am Hotelausgang in Lippstadt. Die klare und erbarmungslose Ansage unseres Herrn Tourmanager war, um 15:30 Uhr vor einem premierefaehigen Fernsehapparat in Muenster zu sitzen. Egal wo, Hauptsache es gibt ein großes Weizenbier! Sicherlich ging es ihm nicht darum, Teil 3 von "Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin" zu gucken, aber alles im allem ging es wohl doch irgendwie um Schicksal und um einem Kaiser, zumindest was unseren Tourmanager betrifft. Da es von Lippstadt nach Muenster ja nur ein Katzensprung sein sollte, stellten wir unser Navigationsgeraet mit dem verkehrstuechtigen Namen "Lizzy" auf "kuerzeste Strecke" und waren verloren. Irgendwo, wo es aussieht wie ueberall an einem deutschen Samstagvormittag, wo sich Obi und Aldi einen Parkplatz teilen. Nervoes fingerten die Herrschaften in der vorderen Fahrgastzelle an Lizzy herum, fluchten wie die Kesselflicker und programmierten die Madame um in "schnellste Strecke". Lizzy navigierte uns auf die Autobahn, direkt in einen saftigen Stau aufgrund einer Vollsperrung. Sie hat halt auch ihren Stolz! Da half nix. Ueber den Vorschlag von Pele, doch mal die "lustigste Strecke" einzugeben, konnte vorne schon keiner mehr lachen, so sehr standen sie schon knietief im Sumpf der Wut und wie es so ist in einem Sumpf, je mehr man sich bewegt, um so schlimmer wird es. Olé! Ich meine natuerlich: Oh Je! Vielleicht war es die gestrige Naehe zu Karl Heinz Rummenigge oder mein knurrender Magen, der den Gott des "abgestumpften Ikosaeders" gnaedig stimmte, jedenfalls tat sich ploetzlich und vor uns eine Ausfahrt auf, und als wuerde Moses hoechstpersoenlich in seinem PKW vor uns herfahren, folgten wir der Straße, und die Sklaven der Angst schoepften neue Hoffnung, doch noch puenktlich zum Anpfiff in Muenster zu sein. Spannender als jeder Tatort, fast so, als saeße Sabine Toepperwien selbst auf dem Beifahrersitz, erreichten wir endlich das heilige Muenster. Schnell geparkt, den Tipp Kick Schein in die Hosentasche gesteckt und auf, auf, auf! Wohin denn eigentlich? Nun, es gibt ja auch diese Navigationsgeraete in den Mobiltelefonen mit dem angebissenen Apfel. Dieser Navigationsapfel wurde aktiviert und wie ein Geigerzaehler in Richtung Fernseher gehalten. Dieser stand in einer Eckkneipe namens "Bunter Vogel". Sten, der sich in Muenster am besten von uns aus kennt, war so freundlich und hatte sich vorher schon um einen Sitzplatz bemueht und bis wir anderen kamen, wahrscheinlich mit seinem Leben verteidigen muessen. Der Vogel war voll. Proppevoll. Nachdem die ersten Weizenbiere auf dem Tisch standen, kehrte auch sichtliche Entspannung bei den Jungs ein und ich ihnen den Ruecken, denn fuer mich war es partout kein Vergnuegen, bei schoenstem Sonnenschein mich selber auf einem Barhocker zu balancieren, um saemtlichen Bierduschen auszuweichen. Ich wurde noch Zeuge eines sehr interessanten Gespraechs zwischen zwei jungen Herren, wahrscheinlich Studenten, die, zusammen mit ihren Freundinnen, das groeßte und spannendste Bundesligaendspielspektakel der Geschichte miterleben wollten. Sie standen direkt vor mir und ich musste aufpassen, dass sich nicht der Freundinnen-Pferdeschwanz von selbst in mein Getraenk tunkte, was mir einiges an Konzentration auf die hektische Simultanuebertragung von mindestens acht Fußballspielen nahm. Sie unterhielten sich ueber ihre naechste gemeinsame Reise nach Mallorca und ueber die Moeglichkeiten, hier und dort noch etwas Geld einzusparen und was man vor Ort an Unternehmungen plant und ob man zwei oder drei Paar Flip-Flops einpacken sollte, waehrend schon das dritte Tor fuer Karlsruhe gefeiert wurde. Ich war wirklich erstaunt, denn damit haette ich nicht gerechnet. Es ist ja mal gar nix dagegen einzuwenden, seinen gemeinsamen Urlaub zu planen und zu besprechen, aber beim letzten Spieltag der Bundesliga? In einer ueberfuellten Kneipe? Es geschehen eben doch noch Zeichen und Wunder! Zum Abpfiff stand ich wieder vor dem Vogel. Die Feierfreude hielt sich bei meinem Kollegen sehr in Grenzen. Gladbach ist wenigstens nicht abgestiegen und Bayern nur Bundesligameister der Herzen geworden. Na und? Wolfsburg hat gewonnen: Olé, Olé, Olé, Olé irgendein Endspiel Olé, Olé! Das zweite Highlight des Tages lag uns dicht auf den Fersen. Wir sollten vor der legendaeren Band Alphaville auf dem Domplatz spielen. "What a feeling!" Ich weiß, dass das kein Songtitel von Alphaville ist, sondern von Jennifer Beals und gleichzeitig Soundtrack des Films "Flashdance", aber es beschreibt nicht nur den ungefaehren Zeitraum der erfolgreichsten Schaffensperiode der aus Muenster stammenden Band Alphaville, sondern eben auch das, was uns auf der Buehne erwarten sollte. Ich glaube, echt ganz Muenster hatte sich auf dem Domplatz versammelt. Es sah so eng und voll aus, wie sich das im "Bunten Vogel" am Nachmittag schon angefuehlt hatte. Den Dom im Ruecken und eine Stunde Spielzeit vor uns, mit niemandem haette ich tauschen wollen. Vorne in den ersten Reihen sah ich ploetzlich meine Schwestern und viele Freunde und Fans. Die Stimmung war genial und ich wollte mich am liebsten darin aufloesen. So stieg ich mit der Hilfe eines starken Herrn der Securtitymannschaft von der Buehne und rannte den Sicherheitsgang hinunter bis zum Mischpultturm. Es fuehlte sich an als koennte ich fliegen und so flog ich, wie der bunte Vogel selbst, wieder hinauf auf die Buehne. Der Faszination eines gewonnenen Fußballspiels wahrscheinlich nicht unaehnlich, verließen wir nach einer der Nachspielzeit aehnlichen Zugabe, verzaubert vom Muensteranischen Publikum, die Buehne. Natuerlich nicht, ohne eine ordentliche Goldglitzerkonfettikanone abzufeuern. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert und so standen wir waehrend des Auftritts von Alphaville auf einem Drumriser neben der Buehne und sangen voller Inbrunst und mit erfuelltem Herzen: "Forever young. I want to be forever young! Do you really want to live forever, forever...." Diesen aufregenden Tag ließen wir noch gemeinsam mit Familie und Freunden bei einem angemessenem Cocktail in der Ipanema Bar ausklingen, bevor wir erschoepft und gluecklich ins Bett fielen - und wenn das Leben wirklich so sein kann wie an diesem Tag, dann, ja dann moechte ich wirklich "forever young" sein! P.S.: Vier Tage nach dem Konzert in Muenster rief mich meine kleine Schwester an, die gerade ueber den Domplatz in Muenster lief und sagte: "Hey Suzie, hier liegen immer noch ganz viele Goldschnipsel und erinnern an eurer Konzert."