Gera, mein Gera... Endlich ist es soweit. Das Tourloch nähert sich seinem Ende. Kurz zur Erklärung für "Nichteingeweihte": Tourloch, das (deutsch): Das T..... beschreibt die Phase, in die die einzelnen Bandmitglieder unmittelbar 12 Stunden nach dem letzten gespielten Akkord einer Tour verfallen. Die ersten Anzeichen sind spontane Müdigkeitsattacken, die eine unmissverständliche Reaktion des Körpers auf den Schlafmangel der letzten Wochen sind. Langzeitfolgen setzen nach ca. 24 Stunden ein, wenn Körper und Geist realisieren, dass heute kein Soundcheck ist, dass niemand einem sagt wo es zum Catering geht, dass keine Interviews stattfinden, dass einem die wochenlange Dosis Adrenalin am heutigen Tage verwährt wird, dass nicht wie in den Wochen zuvor, pausenlos 10 Leute um einen herumwuseln. Die Folgen sind: permanentes, wahlloses Abtelefonieren aller Freunde, mit der Frage ob sie nicht Lust hätten am heutigen, ersten freien Abend etwas zu unternehmen. Die einzigen drei bekannten Heilungsmethoden sind: 1. Permanentes, wahlloses Abtelefonieren aller Freunde, mit der Frage ob sie nicht Lust hätten am heutigen freien Abend etwas zu unternehmen. 2. Treffen mit den Bandmitgliedern, denen es in 99,9 % der Fälle ebenso geht, um konzertähnliche Szenarien zu kreieren. Z.B. Treffen auf dem Weihnachtsmarkt und Glühwein trinken. Besuche anderer Bands, die das Tourloch noch vor sich haben und ihnen unter Tränen erklären, welch schmerzliche Zeit unausweichlich auch ihnen blüht. 3. Einfach wieder Konzerte spielen und nicht drüber nachdenken. 10:00 Uhr: Es sind nur noch wenige Stunden, die mich vom Ende des Tourlochs trennen. Man könnte meinen, das Ende eines Tourlochs ist der nächste Auftritt - aber mitnichten. Das Ende des Tourlochs ist das Treffen der Weggefährten, das obligatorische Einladen der Backline und die heute nicht unwesentlich lange Fahrt im Bandbus - und somit nur noch 2 Std. von mir entfernt. 11:00 Uhr: geduscht und abgefrühstückt vor dem Auto. 11:20 Uhr: Jan am Düsseldorfer Bahnhof einsammeln und dann 12:25 Uhr: Treffen am Equipment-Lager. Alles in den Bandbus packen, die noch fehlenden Kollegen eingesammelt, und schon ist fast ein Monat Bühnenabstinenz vergessen. "Little Britain" wird in den buseigenen DVD-Player eingelegt und man ist wieder...UNTERWEGS!!! 18:15 Uhr: wie könnte es anders sein, die ins Navigationsgerät eingegebene Adresse existiert nicht (ach wie herrlich, alles ist wie auf Tour). Ein kurzer Anruf beim Veranstalter, und auch dieses Problem ist (bis auf ca. 15 Treppenstufen, die unser Auto noch vom Club trennt) geklärt. Am Steuer befindet sich Tom Deininger, der aber souverän den noch bestehenden Höhenunterschied von ca. 1 Meter zwischen unserem Bus und der Ladezone überwindet (wie genau er das gemacht hat, würde den Rahmen dieses Eintrags sprengen, ich sage nur soviel: Who the fuck is Vincent Raven...? Vor Ort dürfen wir dann im Club unsere liebe Crew begrüßen, die am heutigen Abend außer dem uns auf Tour so lieb gewonnenen Christian auch noch einen neuen Gast beinhaltet. Den lieben Sebastian nämlich, der kurzerhand für den leider verhinderten Oli dafür Sorge tragen wird, dass uns Gera auch richtig hört. Beim Soundcheck ist dann endgültig wieder alles wie auf Tour und selbst Tom und Sten verbringen glückselig vor Vorfreude den ganzen Soundcheck auf der Bühne... ;-) Da wir der einzige Liveact des heutigen Abends sind, gewähren uns die äußerst freundlich auftretenden, örtlichen Veranstalter einen Soundcheck ohne Grenzen. Das finden wir natürlich super, da wir aus gegebenem Anlass "Oh Oh" wieder ins Programm aufnehmen und noch einige "four-to-the-floor"-Klassiker, die wir auf Tour aus Zeitgründen nicht zum Besten geben konnten. Über uns selbst verwundert, nehmen wir zur Kenntnis, dass von "eingerostet" keine Spur sein kann. Nach einer kleinen Runde Bowling auf der Clubeigenen Wii mit meiner Sängerin (ich schätze, ich muss nicht ausdrücklich erwähnen, wer gewonnen hat) nehmen wir das Abendessen zu uns und fahren zum Hotel. Der eine (also in diesem Falle ich) nimmt noch eine Mütze Schlaf zu sich, der andere (also in diesem Falle Suzie) schminkt sich noch und die anderen tun, was die andern halt so tun. Telefonieren, TV schauen, kalt duschen, etc. Dann wird sich gegen 0:00 Uhr in der Hotelbar getroffen, um dann endlich mal auf das Wiedersehen anzustoßen und zur Kenntnis zu nehmen, dass wir heute offensichtlich mit den "gregorianischen Chören" das Hotel teilen. Wäre ich sattelfester in der englischen Sprache, hätte ich ihnen unter Tränen erzählt, was für schlimme Zeiten nach der Tour auf sie... 0:30 Uhr: Wir betreten den Club und nehmen mit Genugtuung wahr, dass es rappelvoll ist und die Besucher auch offensichtlich geneigt sind, das Tanzbein zu schwingen. 0:48 Uhr: Ich betrete die Bühne, um an meinem Schlagzeug ein letztes Mal zu kontrollieren, ob auch alles beim Rechten ist und dann passiert es. Es war ja auch alles zu schön gewesen, um wahr zu sein bis dahin. Wie den aufmerksamen Besuchern des Konzerts in den ersten zwei Reihen mit Sicherheit nicht entgangen sein wird, knicke ich beim Verlassen der Bühne mit meinem linken Fuß um. Humpelnd im Backstagebereich wird mein Ungeschick vom Rest der Band zur Kenntnis genommen und es fallen Worte wie "Konzert absagen", "Wird's denn gehen?", usw. Da das lang vermisste Adrenalin allerdings erste Wirkungen zeigt, kann ich meine Band davon überzeugen, von drastischen Maßnahmen Abstand zu nehmen und wir gehen um kurz nach 1:00 Uhr auf die Bühne. Die vom DJ schon im Vorfeld angefeuerte Menge bereitet uns einen warmherzigen Empfang, und spätestens jetzt will mein linker Fuß von der eben an ihn gestellten Überbelastung nichts mehr wissen. Tolle 60 Min. dürfen wir Gera rocken und Gera uns. Vielen Dank für die herzliche Stimmung während des ganzen Konzerts an dieser Stelle. Wie könnte es anders sein, lässt die Adrenalindroge unmittelbar nach dem Konzert nach, und so kommt es also, dass ich sowohl den Club als auch das Hotel am nächsten morgen unter heftigem, rhythmischen Pochen meines linken Knöchels verlassen muss. Das Ausbleiben einer Schwellung und/oder rötlichblauer Verfärbung an besagtem Körperteil lässt mich aber hoffen, dass es sich lediglich um eine durchaus in Kauf zu nehmende Schwellung handelt, denn die ist die Unterbrechung des Tourloches nun wirklich wert. Liebe Grüße und ein gesegnetes Weihnachtsfest von uns allen und vielleicht bis zur nächsten Tourlochunterbrechung am 29.12. in Berlin, der daniel
Kommentare