9:00 Uhr, die Klimaanlage bläst mich an. Ah, mein nächtlicher Versuch sie deutlich kühler zu stellen, scheint am Ende der Nacht doch noch Früchte getragen zu haben. Sie zeigt angenehme 24 Grad. Also, raus aus dem riesen Bett, rein in die riesen Dusche. An Komfort mangelt es uns nicht in Chongquing. Aus der Dusche raus - schnell überlegen, was man an unserem Off-Day und der anstehenden Stadtbesichtigung alles braucht. Ein Blick aus dem Fenster verrät: kein Regen. Aber von Sonnenschein kann man auch nicht gerade sprechen. Da es gestern Nacht noch gefühlte 36 Grad war, als wir ins Hotel zurückkamen, entscheide ich mich für leichtes Gepäck. In der Tasche: Fotoapparat, Wasserflasche, ein T-Shirt zum Wechseln, Reisepass, Geld und ein Handtuch aus dem Hotel für den mit Sicherheit einsetzenden Schweiß auf meiner Glatze. Ich mache die Zimmertür auf und könnte nach 10 Metern auf dem Flur gleich das Ersatz T-Shirt überziehen. Was für eine Luftfeuchtigkeit. Geht auch mehr als 100 %? Wenn ja, dann hier. In der Lobby werden wir von unseren Begleitern empfangen und in die (zum Glück nach wie vor klimatisierten Vans) gebeten. Wir haben uns schon überlegt, was wir in der größten Stadt der Welt wohl zu sehen bekommen. Wahrscheinlich ist die Anzahl der Sehenswürdigkeiten proportional zur Luftfeuchtigkeit. Sam und Frau Wang haben sich für einen alten Teil der Stadt entschieden, der vormals ein Fischerdorf war. Eine tolle Wahl! Man hat das erste mal in China das Gefühl, in China zu sein. Wie man es aus Filmen und dem Fernsehen kennt. Um Punkt 12 kommt die Sonne raus und ich stelle fest, dass ich schmähchlicher Weise meine Sonnencreme auf dem Hotelzimmer vergessen habe. Hilft nix, muss ich durch. Also aufgesetzt die Mütze aus Baumwolle. Nachdem Suzie so ziemlich jeden Stand inspiziert, mit jedem Verkäufer geredet, um jeden Preis gefeilscht hat und wahrscheinlich die Lebensgeschichte eines jeden Chinesen in dieser Fischerstadt kennt, können wir uns zu einer Erfrischung auf einem Restaurantboot im Fluss niederlassen. Das aus dem Hotel mitgebrachte Handtuch ist nur noch ein nasser Lappen und mit den 2 T-Shirts sieht es nicht anders aus. Ein Trugschluss auch, dass auf dem Wasser vielleicht ein wenig Abkühlung zu erhaschen wäre. Aber das Panorama über dem riesigen Fluss entschädigt vollkommen. Weiter geht es zum Mittagessen. In einem weitaus moderneren Teil der Stadt nehmen wir, unsere 2 Begleiter und unsere Fahrer, an einem runden Tisch Platz. Eine runde Glasplatte zum Drehen in der Mitte. Das kenn' ich doch aus dem TV. Und ja, prompt werden auf der Glasplatte Speisen verteilt, die zuvor unter Berücksichtigung unseres Vegetariers von unseren liebenswürdigen Betreuern ausgesucht wurden. Da ich, wie meine Band zwar weiß, aber sonst natürlich keiner in China, nicht gerade ein Faible für scharfe Gerichte habe, bekomme ich kurz eine Einführung, was ich besser meiden sollte. Zum Glück! Scharf essen wird später in unserm Tagesablauf noch eine wichtige Rolle spielen. Aber zuerst wird geschlürft, gestaunt, gemieden und geweint. Mit scharfen Essen scheinen sie sich auch auszukennen hier in Chongqing, wie ich den Tränen und dem Gehuste meiner Bandkollegen entnehmen darf. Weiter geht es in eines der vier Zentren der Stadt. Man stelle sich Frankfurt am Mein/Downtown vor, multipliziere die Eindrücke mal zehn und rufe sich nochmals in Erinnerung, dass das nur eines von vier(!) Zentren dieser Stadt ist! Da ich nicht nur der einzige bin, der mit scharfen Essen in diesem Leben kein Freund mehr wird, sondern auch mit Shoppen nicht, habe ich das Vergnügen, mit unseren Begleitern und unserem Mischer samt Pele eher einen Bummel durch die Einkaufshäuser zu machen, als eine Shoppingtour. Sehr angenehm, denn beim Schlendern und Plaudern erfährt man viel über ein Land und seine Einwohner. Einen Einkaufswunsch jedoch habe ich seit 2 Tagen. Ich brauche ein Deo! Im Supermarkt, in den ich umgehend geleitet werde, springt mir auf Anhieb das Deo einer deutschen Firma in die Augen, dass mir vor zwei Tagen in Peking ausgegangen ist. Oder kommt die Firma aus Frankreich? Ich weiß es nicht, aber die Tatsache, dass ich es 8000 Kilometer von zuhause für weniger Geld kaufen kann, beeindruckt mich irgendwie. Nach dem Einkaufsbummel wird sich, wie mit unseren Fremdenführern verabredet, im nahe gelegenen Starbuckscafé getroffen (wahrscheinlich fiel diese Wahl auf das Cafe , weil sie sicher gehen wollten, dass wir den Ort des Treffens auch lesen können). Man mag es glauben oder nicht. Auch dieser Außenposten westlichen Lifestyles ähnelt verblüffend in Einrichtung und Angebot, dem was ich aus meiner Heimat kenne. Ich bin mir inzwischen sicher, dass diese Firma damit einen Plan verfolgt... Fast so sicher wie die Luftfeuchtigkeit hier hoch ist! Es geht zurück ins Hotel und der nächste Programmpunkt des heutigen Abends steht schon vor der Tür. Nach einer kurzen und erfrischenden Dusche schmeiße ich mich in Schale für einen höchst offiziellen Termin. Wir sind im hoteleigenen Restaurant mit dem Minister für Kommunikation, einer Auswahl an chinesischen Musikern und dem deutschen Generalkonsul inklusive seiner Familie verabredet. Mir war zwar bewusst, dass meine Heimatstadt Düsseldorf die Partnerstadt Chongqings ist, jedoch hätte ich mir nie erträumen lassen, dass der Minister für Kommunikation einer 33 Millionenstadt im Bilde darüber ist, dass sich ein Musiker aus einer Halbmillionenstadt bei ihm zu Gast befindet. Aber denkste. Ich bin heilfroh, zum offiziellen Termin auch offiziell gekleidet zu sein. (Zugegebenermaßen sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass es tatsächlich viele Verwandtschaften zwischen Chongqing und Düsseldorf gibt. Beides sind die Landeshauptstädte der jeweils größten Bundesländer (Provinzen) ihres Landes. Beide liegen an einem bedeutendem Fluss und die Freundlichkeit und Herzlichkeit mit der ihre Einwohner auf Fremde eingehen ist auch von verblüffender Ähnlichkeit!; ) Ein ähnlicher Tisch wie bereits zum Mittagessen, nur schätzungsweise dreimal so groß, ist fürstlich dekoriert, und der Durchmesser der Glasplatte erinnert mich jetzt an ein Riesenrad. Erneut werden einheimische Kulinaritäten auf die Platte gestellt und in der Rede des Ministers auch nochmals darauf hingewiesen, dass die einheimische Küche gerne scharf ist. Ob der großen Anzahl an Gästen und Speisen denke ich, ich könnte mich vielleicht mit den wenigen milden Speisen "durchmogeln", aber nein, wie kann es anders sein. Meine Band, alle liebende "Scharfesser", können es sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen wie gerne sie feurige Gerichte essen. Ich sehe, dass die Speise, über die Suzie gerade zur Belustigung aller Anwesenden referierte, dass ihre Schärfe einem Tanz auf der Zunge gleicht, auf mich zugedreht wird. Und wie könnte es anders sein. Aufgrund der Verbundenheit unserer Städte werde explizit ICH darum gebeten, ein wenig von dieser Spezialität zu probieren. Wohl wissend, dass das Schärfste an eben dieser Speise die Pfefferkörner sind, ersinne ich mich kurzerhand eines Plans, der mich vor der peinlichen Bloßstellung meines westlichen Gaumens retten soll. Ich nehme 3 Pfefferkörner auf meine Stäbchen, um meinen Großmut zu beweisen, und schluckte sie einfach ohne sie zu zerkauen runter. Und es gelingt! Zumindest bis mein Sodbrennen mich ab 2:00 Uhr Nachts wach hielt. Beschreibungen über den Stuhlgang des nächsten Tages werde ich aus Pietätsgründen vermeiden. Nach einer freundlich bis herzlichen Verabschiedung der Abendgesellschaft werden wir zum Hoteleingang zu unseren Shuttles begleitet und zur nächstliegenden Uferpromenade gefahren. Dort werden unter freiem Himmel und unter dem Eindruck des unglaublich leuchtenden Panoramas noch die organisatorischen Einzelheiten des folgenden Tages besprochen. Der Tag endete mit einer Fehlbestellung unseres Tourmanagers und somit mit einer Vielzahl an Whisky/Cola aus Schnapsgläsern. Chongqing, ein wunderbarer Tag geht zu Ende, den wir auf ewig in unserer Erinnerung tragen werden. Danke dafür, der Daniel
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